Physikalische Rehabilitation nach Hüftoperationen
Die richtige Rehabilitationstherapie ist für Patienten nach einer Hüftoperation von entscheidender Bedeutung, um die Erholung zu optimieren und eine gute Lebensqualität sicherzustellen.
Ausgabe nummer 35.1 Orthopädie
veröffentlicht 04/04/2025
Auch verfügbar auf Français , Italiano und Español
Die Rehabilitation nach chirurgischen Eingriffen zur Behandlung von Kreuzbanderkrankungen erfordert eine proaktive und strukturierte Herangehensweise, um das bestmögliche Outcome für canine Patienten zu erreichen.
Erkrankungen des vorderen Kreuzbandes (Cranial Cruciate Ligament Disease, CCLD) sind bei Hunden die häufigste Ursache von Arthritiden des Kniegelenks und die wahrscheinlichste Ursache einseitiger chronischer Lahmheiten der Hintergliedmaßen.
Das chirurgische Management stellt in den meisten Fällen nach wie vor die Behandlung der Wahl einer CCLD dar.
Die Rehabilitation sieht bei chirurgisch und nicht-chirurgisch behandelter CCLD in der akuten Phase der Erholung sehr ähnlich aus, die Dauer der Rehabilitation ist in nicht-chirurgisch behandelten Fällen aber oft deutlich länger.
Der Fokus der Rehabilitation bei CCLD liegt auf einer frühzeitigen Verbesserung der Gliedmaßennutzung durch manuelle Techniken, therapeutische Übungen und Schmerzbehandlung.
Erkrankungen des vorderen Kreuzbandes (Cranial Cruciate Ligament Disease; CCLD) sind die häufigste Ursache für Erkrankungen des Kniegelenks und eine häufige Ursache einseitiger Lahmheiten bei Hunden (1). Im Laufe der Jahrzehnte wurden verschiedene chirurgische Methoden zur Behandlung dieser Erkrankung beschrieben und untersucht, die eine universelle Operationstechnik für alle Fälle von CCLD gibt es aber nicht. Auch die Rehabilitation bei CCLD ist keineswegs einheitlich, sondern muss vielmehr individuell auf die durchgeführte chirurgische Methode, den Patienten und das angestrebte Behandlungsergebnis zugeschnitten werden. Die frühen Phasen der Rehabilitation sind jedoch bei allen Verfahren zur Stabilisierung des Kniegelenks nahezu identisch. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Schmerzkontrolle, mit dem Ziel der Förderung einer frühzeitigen und kontrollierten Gewichtsbelastung. Die mittel- und langfristige Erholung eines Kreuzbandpatienten wird unter anderem durch die angewandte Operationstechnik beeinflusst, da bei einem biomechanischem Stabilisierungsverfahren (z. B. Tibial Plateau Leveling Osteotomy (TPLO), Tibial Tuberosity Advancement (TTA)) eine Gewebeanpassung in einer anderen Geschwindigkeit erforderlich ist als bei einer extrakapsulären Stabilisierung. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über wichtige Faktoren für eine erfolgreiche Erholung nach einer Kreuzbandverletzung.
Der Fokus der initialen postoperativen Rehabilitation nach chirurgischer Stabilisierung des kreuzbanddefizienten Kniegelenks liegt auf der Förderung einer frühzeitigen Nutzung der betroffenen Gliedmaße. Erreicht wird dies in erster Linie durch eine aggressive Behandlung von Schmerzen und Ödemen, was wiederum einer Muskelatrophie entgegenwirkt (2). Traditionell galt die Anwendung von Arzneimitteln als einzige Option zur Behandlung postoperativer Schmerzen bei Tieren, heute haben nicht-pharmakologische Methoden bei der Schmerzbehandlung aber eine ebenso große Bedeutung. Eine wichtige Komponente der Schmerzbehandlung ist die Reduzierung der Ödeme, da eine ödematöse Gliedmaße aufgrund einer vermehrten Hautspannung, einer mangelhaften Muskelaktivierung und des verringerten Bewegungsausmaßes (ROM) zusätzliche Schmerzen verursacht.
Zu den gängigen Methoden für die Behandlung von Schmerzen und Ödemen unmittelbar postoperativ gehören Elektrotherapie, Kryotherapie, passive Bewegungsübungen zur Verbesserung des Bewegungsausmaßes (PROM), aktive Bewegungsübungen zur Verbesserung des Bewegungsausmaßes (AROM), Lasertherapie, Massage, extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) und die pulsierende Magnetfeldtherapie (PEMF) (3,4,5,6,7). Eingeleitet werden rehabilitative Maßnahmen zur postoperativen Behandlung von Ödemen und Schmerzen in der Regel am Morgen nach dem chirurgischen Eingriff.
Kryotherapie und Elektrotherapie können unmittelbar vor passiven ROM-Übungen durchgeführt werden, um Schmerzen bereits im Vorfeld jeglicher Manipulation der Gliedmaßen zu lindern. Die Kryotherapie gilt als ein Grundpfeiler der Ödem- und Schmerzbekämpfung, da sie eine große Bandbreite physiologischer Effekte mit sich bringt, die für den postoperativen Patienten von Vorteil sind. Dazu gehören eine verringerte Nervenleitgeschwindigkeit, eine verringerte Feuerfrequenz der Muskelspindeln (was Muskelspasmen reduziert), eine reduzierte Enzymaktivität durch Gewebekühlung und verringerte Zytokinkonzentrationen, die zu einem geringgradigen entzündungshemmenden Effekt beitragen. Kryotherapie wird über die ersten drei bis vier Tage nach dem chirurgischen Eingriff zwei- bis viermal täglich für jeweils 20-30 Minuten angewendet, sie kann je nach Indikation aber auch während der gesamten Erholungsphase fortgesetzt werden, um eine zusätzliche Schmerzlinderung zu erreichen. Zum Schutz der Operationswunde und zur Erhöhung des Komforts für den Patienten während der Kältetherapie sollte eine dünne Schutzschicht aus Stoff, wie zum Beispiel ein Kissenbezug oder ein T-Shirt, verwendet werden.
Eine Elektrotherapie kann begleitend zur Kryotherapie durchgeführt werden, wodurch sich die Behandlungszeiten insgesamt verkürzen können (Abbildung 1a). Die Methode der Wahl für die postoperative Schmerzbekämpfung aber ist die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), bei der die Analgesie über den Mechanismus der Gate-Control-Theorie der Schmerzkontrolle erreicht wird (6). TENS stimuliert sensorische afferente Nerven mit großem Durchmesser, wodurch das „Gate“ zu den nozizeptiven Schmerzsignalen geschlossen wird. Die Schmerzlinderung kann mehrere Minuten bis Stunden nach Beendigung der Behandlung eintreten, wodurch ein günstiges Milieu für die Durchführung manueller Techniken wie passiver ROM-Übungen und früher Übungen zur Förderung der Gliedmaßennutzung geschaffen wird. Die Elektroden werden um das zu behandelnde Gelenk herum angebracht (Abbildung 1b), und die Intensität wird soweit erhöht, dass die dabei entstehenden Parästhesien für den Patienten gerade noch angenehm sind oder bis sichtbare Muskelfaszikulationen auftreten. Die typische Behandlungsdauer für eine Elektrotherapie beträgt 20-25 Minuten, ein- oder zweimal täglich.
Abbildung 1. (a) Gleichzeitige Anwendung von Kryotherapie und transkutaner elektrischer Nervenstimulation (TENS) nach einem orthopädisch-chirurgischen Eingriff. (b) Platzierung der TENS-Elektroden nach Kreuzbandoperation; die Elektroden sind kreuzweise um das Kniegelenk als Mittelpunkt ausgerichtet. © Marti Drum
Die Aufrechterhaltung und Verbesserung des Bewegungsausmaßes des Kniegelenks ist entscheidend für die langfristige Gelenkgesundheit und eine möglichst frühzeitige Gliedmaßennutzung. Bei Kreuzbanderkrankungen wird die Streckung des Kniegelenks insbesondere durch eine Kapselfibrose eingeschränkt, was wiederum die Gewichtsbelastung beim Gehen beeinträchtigt. Die Beugung des Kniegelenks ist postoperativ zwar weniger eingeschränkt, in Fällen einer hochgradigen Gelenkfibrose kann eine mangelhafte Beugung des Kniegelenks aber zu einer Beeinträchtigung der Schrittlänge und der Fähigkeit, richtig zu sitzen führen. Passive ROM-Übungen sollten bereits innerhalb der ersten 12-24 Stunden nach der Operation eingeleitet werden, und da für den Behandlungserfolg das Wohlbefinden des Patienten ausschlaggebend ist, sollten 30-60 Minuten vor Beginn manueller Therapien Analgetika verabreicht werden. Bei der Durchführung passiver ROM-Übungen in der unmittelbaren postoperativen Phase kann das Wohlbefinden des Patienten durch eine vorsichtige Platzierung der Hände zusätzlich verbessert werden. Eine Positionierung der Hände nahe am Kniegelenk verringert den sogenannten Fulcrum-Effekt (Drehpunkt-Effekt) und eine übermäßige Krafteinwirkung auf das Gelenk, es ist aber darauf zu achten, wo sich die Hände im Verhältnis zur Operationswunde befinden. Breit und sanft aufgelegte Hände sind dabei der Schlüssel zu einer merklichen Verbesserung des Wohlbefindens für den Patienten. Zu vermeiden ist ein Ziehen oder eine Auslenkung des Kniegelenks oder der Gliedmaße, da diese Bewegungen vermehrte Beschwerden und Schmerzen hervorrufen können. Der Fokus sollte darauf liegen, das distale Segment zu bewegen und dabei gleichzeitig das proximale Segment zu stabilisieren, um so das Kniegelenk langsam und sanft zu beugen und zu strecken. In den ersten zwei Wochen nach der Operation sollten passive ROM-Übungen zwei- bis dreimal täglich in 10-15 Wiederholungen durchgeführt werden, gefolgt von fünf Wiederholungen einer Dehnung, die über 20-30 Sekunden gehalten wird. Bei hochgradig betroffenen Gelenken kann zunächst eine Fortsetzung passiver ROM-Übungen und der Dehnungsübungen über die ersten zwei Wochen hinaus erforderlich sein, wenn die Extension normal oder nahezu normal ist, kann der Übergang zu aktiven ROM-Übungen zum Zeitpunkt der Nahtentfernung erfolgen.
Die anderen Gelenke (insbesondere die Hüftgelenke) und das Weichteilgewebe sollten bei passiven ROM-Übungen und Dehnungsübungen nicht außer Acht gelassen werden. Verspannungen der sogenannten „Hamstrings“ (Kniebeuger: M. biceps femoris, M. semitendinosus und M. semimembranosus) können zu einer verminderten Streckung des Kniegelenks beitragen, und die Hüftbeuger (M. Iliopsoas, M. tensor fascia latae und M. sartorius) können zusätzliche Schmerzen auf das Kniegelenk übertragen und die Streckung der Hüfte einschränken. Zur Reduzierung von Spasmen und Verspannungen sollte im Anschluss an passive ROM-Übungen zusätzlich eine Massage dieser Muskeln durchgeführt werden.
Die Remobilisierung nach einer operativen Kreuzbandstabilisierung umfasst nicht nur die Gelenkkapsel, die Sehnen und die Bänder, sondern auch die Flexibilität und die Stabilität der vorderen Oberschenkelmuskeln und der Kniebeuger. Eine fortschreitende Muskelatrophie setzt bereits unmittelbar postoperativ ein und erreicht ihren Höhepunkt etwa 2-3 Wochen nach dem Eingriff. Da eine Erholung und Wiederherstellung dieser Muskelmasse möglicherweise erst sechs Wochen oder sogar mehrere Monate später stattfindet, sollte der Fokus des therapeutischen Trainings während der gesamten Erholungsphase auf der Aktivierung und Stärkung dieser Muskeln liegen. Grad und Intensität der muskelkräftigenden Übungen richten sich nach der Erholungsrate des Gewebes, nach der Art des chirurgischen Eingriffs und nach der Toleranz des Patienten. Einfache Spaziergänge an der Leine sind der Eckpfeiler des therapeutischen Trainings in der Erholungsphase und stellen eine hervorragende, wenig belastende Übung geringer Intensität dar. Eine abdominale Schlinge wird für die erste postoperative Woche bei einseitiger Erkrankung und über mindestens zwei Wochen bei beidseitiger Erkrankung empfohlen. Die Schlinge soll Ausrutschen, Stürze, explosive Bewegungen und Sprünge verhindern und eine leichte Unterstützung bieten, um ein korrektes Gangbild zu fördern und gleichzeitig eine für den Patienten angenehme Gewichtsbelastung zu ermöglichen. Um übermäßige Belastungen von Rücken und Schultern zu vermeiden, ist es zudem wichtig, ergonomische Aspekte bei den Menschen zu beachten, die mit dem Patienten spazieren gehen (Abbildung 2a). Die Schlingen sollten waschbar, belastbar und erschwinglich sein. Bei sehr großen, schweren Hunden oder bei Hunden mit bilateraler Erkrankung kann sich ein Ganzkörpergeschirr als praktikabler erweisen (Abbildung 2b). Die meisten Hunde tolerieren das Tragen eines Ganzkörpergeschirrs über die Dauer des Tages, nachts wenn der Patient schläft, sollten solche Geschirre aber abgenommen werden. Grundsätzlich sollten Schlingen und Geschirre abgenommen werden, wenn sie verschmutzt oder nass sind, um Hautschäden zu vermeiden und um eine adäquate Sauberkeit und Hygiene zu erhalten.
Abbildung 2. (a) Schlechte Ergonomie bei Verwendung einer abdominalen Schlinge zur Unterstützung eines Hundes nach akuter Kreuzbandverletzung; zu beachten ist die gekrümmte Haltung des Besitzers, die zu körperlichen Beschwerden führen kann. In diesem Fall sollte der Besitzer angewiesen werden, die Riemen der Schlinge zu verlängern, um eine physiologische Körperhaltung zu ermöglichen, ähnlich wie beim Tragen eines Koffers oder einer schweren Einkaufstasche. (b) Verwendung eines Ganzkörpergeschirrs bei einem Hund mit beidseitigen Kreuzbandrupturen. © Marti Drum
Isometrische Übungen zu Aktivierung der posturalen Muskulatur sollten unmittelbar nach der Operation eingeleitet werden. Geeignet sind unter anderem laterale Dehn- und Halteübungen über das Führen eines Snacks oder eines Spielzeugs in verschiedenen Positionen. Etwa zwei Wochen postoperativ sollte allmählich zu anspruchsvolleren Übungen übergegangen werden, wie zum Beispiel dem Dreibeinstand und dem Stehen mit angehobenen Vordergliedmaßen. Sitz-Steh-Übungen können nach extrakapsulärer Stabilisation und palpatorisch nachweisbarer Stabilität bereits drei Wochen postoperativ beginnen. Bei Patienten mit biomechanischen Stabilisierungsmethoden sollten Sitz-Steh-Übungen jedoch erst nach vier bis fünf Wochen post operationem durchgeführt werden, um einer weiteren Remodellierung der Patellasehne Zeit zu geben, da diese Operationstechniken inhärent mit einer Patellasehnenentzündung einhergehen (Abbildung 3) (8). Wenn ein Hund nicht in der Lage ist, gerade zu sitzen, ohne die Gliedmaßen zu abduzieren, sollten zunächst modifizierte oder unterstützte Sitz-Steh-Übungen durchgeführt werden, bevor zu den standardmäßigen Sitz-Steh-Übungen übergegangen wird (Abbildung 4). Eine korrekte Körperhaltung ist zwar grundsätzlich bei sämtlichen Übungen in der postoperativen Erholungsphase wichtig, insbesondere bei Sitz-Steh-Übungen oder Platz-Sitz-Steh-Übungen ist sie aber von außerordentlich großer Bedeutung. Um die Gliedmaßennutzung zu maximieren, kann mit Hilfe einer Plattform oder eines Podestes dafür gesorgt werden, dass sich der Hund weniger mit den Vordergliedmaßen nach vorne zieht, sondern sich eher mit den Hintergliedmaßen nach oben schiebt (Abbildung 5). Für den weiteren Kraftaufbau in späteren Stadien eignen sich unter anderem Übungen wie Treppensteigen, Bergauf- und Bergabgehen, Gehen auf dem Laufband (einschließlich Joggen), Rückwärtsgehen, Zweibeiniger „Superman“-Stand, Slalom, Achterfiguren, progressive Schrittverlängerung, Cavaletti-Stangen, Sitz-Steh-Übungen mit dem Gesicht nach oben oder horizontal auf einer Schräge oder kurze „Apportierübungen“ aus einer statischen Position. Durch den Einsatz instabiler Oberflächen und Requisiten können diese Übungen noch anspruchsvoller gestaltet werden (Abbildung 6).
Abbildung 3. Röntgenologisch erkennbare signifikante Entzündung der Patellasehne (Pfeilspitzen) nach routinemäßiger TPLO. Nach biomechanischen Stabilisierungsreparaturen sollten Sitz-Steh-Übungen für bis zu 4-5 Wochen aufgeschoben werden. © Marti Drum
Abbildung 4. (a) Patient, der nach einer TPLO nicht in der Lage ist, in normaler Haltung zu sitzen. (b) Anwendung eines niedrigen Podests zur Aufrechterhaltung einer normalen Sitzhaltung während der Sitz-Steh-Übungen für Hunde, die sich nicht vollständig in eine Sitzhaltung beugen können. Alternative Hilfsmittel wären, z. B. das Knie des Besitzers oder ein aufgerolltes Handtuch. © Marti Drum
Abbildung 5. Die Verwendung eines niedrigen Podests oder einer Stufe ist hilfreich zur Förderung einer korrekten Körperhaltung, wenn Patienten aufgefordert werden, aus einer sitzenden Position aufzustehen. Ziel ist es, dass der Hund die Aufstehbewegung mit den Hintergliedmaßen einleitet, um sich in den Stand hinaufzudrücken, anstatt mit einer Bewegung der Vordergliedmaßen zu beginnen, um sich in den Stand hinaufzuziehen. Leichte Vorwärtsschritte der Vordergliedmaßen sind erforderlich, um vollständig aufzustehen, nachdem der Hund seine Hinterhand einige Zentimeter von der Plattform abgestoßen hat. © Marti Drum
Abbildung 6. Einsatz einer Physiorolle zur Steigerung der Herausforderung bei der Rehabilitation nach bilateraler TPLO. Der Patient zeigt eine aktive Streckung von Hüft- und Kniegelenken, die mit dem Vorwärts- und Rückwärtsrollen des Peanut Balls für mehrere Schritte in jede Richtung kombiniert wird, um eine anspruchsvollere „tanzende“ Aktivität durchzuführen. © Marti Drum
Propriozeptives Training wird unmittelbar postoperativ eingeleitet und erfolgt häufig in Form von zusammengesetzten Übungen, um sowohl die Muskelaktivierung als auch das Gleichgewicht und die Balance zu verbessern. Nach Verletzungen und Operationen gehen die Gelenkpropriozeptoren früh verloren und kehren als letzte wieder zurück. In der Gelenkkapsel eingebettet liegen niederschwellige Mechanorezeptoren, und Muskelspindeln, die Längenänderungen der Muskeln signalisieren, liefern die primären Informationen zur Gelenkstellung. Propriozeptive Übungen müssen daher Muskelaktivitäten beinhalten, um die verlorengegangene Gelenkpropriozeption effektiv neu zu trainieren. Rhythmische Stabilisierung ist eine Behandlungstechnik aus der propriozeptiven neuromuskulären Fazilitation, die alternierende isometrische Kontraktionen antagonistischer Muskelgruppen gegen einen Widerstand ohne Bewegung umfasst, und die bereits unmittelbar nach der Operation eingeleitet werden sollte. Die rhythmische Stabilisierung unterscheidet sich geringfügig von den grundlegenden Übungen zur Gewichtsverlagerung. Zwei gängige Methoden der rhythmischen Stabilisierung sind das federnde Aufprallen lassen auf einer instabilen Oberfläche oder die manuelle Kompression des Beckens im Stehen (Abbildung 7). Diese Übungen können aber sehr ermüdend sein, und Patienten halten möglicherweise nur 60-90 Sekunden ohne Pause durch. Angestrebt wird eine Dauer von insgesamt fünf Minuten pro Sitzung, wobei die Compliance des Patienten mit Hilfe einer einfachen alternierende Gewichtsverlagerung während einer Sitzung gefördert werden kann. Die Übung sollte über die ersten zwei bis vier Wochen postoperativ 2-3 Mal täglich wiederholt werden. Grundsätzlich sollten propriozeptive Übungen während der gesamten Erholungsphase fortgesetzt werden, und in den späteren Stadien kann zusätzlicher propriozeptiver Input durch Kraftübungen auf instabilen Oberflächen wie Balance Boards, Peanut Bällen oder anderen instabilen Requisiten erreicht werden. Zwei fortgeschrittene Optionen für spätere Stadien sind zum Beispiel Sitz-Steh-Übungen, bei denen die Vordergliedmaßen angehoben sind und die Hintergliedmaßen auf einer Balance Disc stehen, oder das Stehen auf zwei Peanut Bällen, während ein Spielzeug gefangen wird.
Abbildung 7. Position der Hände während der rhythmischen Stabilisierung. Um die Herausforderung und das propriozeptive Feedback zu erhöhen wird eine instabile Unterlage verwendet. Hier wurde ein streichfähiger Snack an der Wand angebracht, um den Hund dazu zu motivieren, während der Übung eine normale Haltung beizubehalten. © Marti Drum
Die weitere Steigerung von Intensität und/oder Dauer des Trainings hängt von einer Vielzahl verschiedener Faktoren ab. Neben der Frage ob das Training zu Hause stattfindet oder ob es sich um ein professionelles ambulantes Training handelt, sollten auch Faktoren berücksichtigt werden wie das Equipment, die angeborene Fähigkeit des Hundes bzw. sein Fitness- und Trainingsniveau, die Bereitschaft oder Verfügbarkeit der Halter*innen, die Art des chirurgischen Eingriffes, etwaige Komplikationen, die Chronizität der Erkrankung und Komorbiditäten. Auch ein konsequentes Follow-up ist für die Weiterentwicklung des therapeutischen Trainingsprogramms unerlässlich. In einem professionellen ambulanten Umfeld erfolgt eine Steigerung der Übungen oft alle drei bis sieben Tage oder alternativ nach jeder zweiten oder dritten Sitzung. Eine Steigerung kann bedeuten, dass die Anzahl der Wiederholungen, die Dauer der Übungen oder die Geschwindigkeit bei der Ausführung der Übungen erhöht werden. Bei Programmen, die zu Hause durchgeführt werden, erfolgt die Steigerung in der Regel in etwas langsamerem Takt etwa alle zwei bis vier Wochen, da hier der Patientenkontakt seltener ist.
Zusätzlich zu den besonderen Überlegungen hinsichtlich des Remodellings der Patellasehne nach biomechanischen Reparaturen (wie TPLO/TTA) hat auch die knöcherne Heilung einen Einfluss auf die Erholungsdauer und Fortschritte bei der Verbesserung der Lahmheit. Lasertherapie (9) und Stoßwellentherapie (10,11,12) scheinen bei entsprechend frühzeitiger Anwendung eine vorteilhafte Rolle bei der Heilung der Osteotomiestelle und dem Remodelling der Patellasehne zu spielen. In Fällen einer verzögerten Heilung oder einer vollständig ausbleibenden Frakturheilung („Non-Union“) gilt die Stoßwellentherapie (ESWT) als ideale Behandlung, da sie spezifisch das knochenmorphogenetische Protein-2 stimuliert (13), ein essenzielles Zytokin für die Förderung der Osteotomieheilung. Darüber hinaus bewirkt die Stoßwellentherapie eine Schmerzlinderung, die wiederum eine frühzeitige Gliedmaßennutzung fördert.
Die meisten der oben beschriebenen Therapien können bereits innerhalb der ersten 24 Stunden postoperativ eingeleitet werden, und zusätzliche Übungen können zwischen fünf Tagen und fünf Wochen nach dem chirurgischen Eingriff intergiert werden. Der Leser sei auf die entsprechende Literatur verwiesen, um Zusammenfassungen der Optionen und der möglichen Zeitpunkte für die Einleitung weiterer Übungen zu erhalten, da diese in Abhängigkeit von einer Vielzahl patientenbezogener Faktoren in erheblichem Maße variieren können (14).
Gewichtsmanagement und Ernährung sind zwei entscheidende Aspekte für eine erfolgreiche Erholung nach Kreuzbandoperationen und Kreuzbandverletzungen. Adipositas ist ein bekannter Risikofaktor für die Entstehung einer kranialen Kreuzbandruptur (15). Eine Gewichtsabnahme geht zwar häufig auf Kosten der Muskelmasse, mit Hilfe einer entsprechenden Ernährung und regelmäßiger kontrollierter Bewegung kann dies aber ausgeglichen werden. Kalorienarme, proteinreiche Nahrungen mit zusätzlichen Omega-3-Fettsäuren sind für Kreuzbandpatienten ideal, unabhängig davon, ob sie chirurgisch oder konservativ behandelt werden. Während Untersuchungen zufolge eine Nahrung mit hohem Anteil an Omega-3-Fettsäuren allein ebenso vorteilhaft sein kann wie eine Rehabilitation (16), sind Ernährung und Bewegung aber immer noch überlegen, wenn es um den Erhalt der Muskelmasse geht. Insbesondere Training auf dem Unterwasserlaufband kann dem Verlust an Muskelmasse bei Hunden während eines Standardprogramms zur Gewichtsabnahme entgegenwirken (17). Das Laufbandtraining kann so gestaltet werden, dass das Bewegungsausmaß des Knies, die Muskelkraft und die Ausdauer im Fokus stehen und gleichzeitig der belastendende Bodenkontakt der operierten Gliedmaßen reduziert wird. Als Standardfrequenz während der Erholungsphase gilt zweimal wöchentliches therapeutisches Training auf dem Unterwasserlaufband, diese Häufigkeit kann aber je nach Bedürfnissen und Toleranz des Patienten erhöht oder verringert werden. In der kritischen Anfangsphase über die ersten zwei bis acht Wochen wird mindestens eine wöchentliche Einheit auf dem Laufband empfohlen, um konsistente Vorteile zu erreichen. Schwimmen ist ebenfalls sinnvoll, die unkontrollierbare Intensität der Bewegungen im Wasser und das Ein- und Aussteigen in das Becken bergen in den ersten drei bis fünf Wochen nach der Operation aber oft ein zu hohes Risko. Freiwasserschwimmen ist ein hervorragendes mittel- und langfristiges Training für die kardiovaskuläre Fitness, die Kalorienverbrennung und die Rumpfkraft. Entsprechende Trainingseinheiten sollten mit kontinuierlichem Schwimmen über drei bis fünf Minuten beginnen. Apportieren im Wasser, bei dem die Rückkehr auf festen Boden das Schwimmen im tiefen Wasser unterbricht, kann ebenfalls eine geeignete Übung sein, wichtig ist dabei aber eine sorgfältige Überwachung auf eine möglicherweise zunehmende Lahmheit aufgrund von Sprüngen in das Wasser und aus dem Wasser heraus. Unkontrolliertes Schwimmen sollte erst dann zugelassen werden, wenn auch die Leinenpflicht aufgehoben ist.
Bei viele Patienten kommt eine chirurgische Behandlung von Kreuzbandrupturen aufgrund von Komorbiditäten oder Einschränkungen auf Seiten der Halter*innen nicht in Frage. Grundsätzlich ist es möglich, Kreuzbanderkrankung sämtlicher Stadien auch konservativ zu behandeln. Halter*innen sollten aber über die zu erwartenden Outcomes und die Einschränkungen konservativer Behandlungsoptionen aufgeklärt werden. So können einige Patienten ohne Operation erfolgreich behandelt werden, in vielen Fällen können aber erhebliche Lahmheiten auftreten, die über viele Monate oder sogar auf unbestimmte Zeit persistieren. Im Einzelfall kann jedoch der Versuch einer konservativen Behandlung über einen Zeitraum von 6-12 Wochen sinnvoll sein. Wenn die nicht-chirurgische Therapie keinen Erfolg zeigt, kann eine chirurgische Behandlung zu einem späteren Zeitpunkt angeschlossen werden. Eine Bewegungseinschränkung sollte auch in diesen konservativ therapierten Fällen über eine Dauer von 8-12 Wochen eingehalten werden, in denen Laufen, Springen, heftiges Spielen oder enge Drehungen vermieden werden, ähnlich wie dies auch für postoperative Patienten empfohlen wird. Die therapeutischen Trainingsprotokolle unterscheiden sich während der ersten 8-12 Wochen nicht zwischen chirurgisch und nicht-chirurgisch behandelten Patienten, die konservative Behandlung nimmt aber mehr Zeit in Anspruch und erfordert kontrollierte Übungen über mindestens 3-6 Monate, um die Reifung des Narbengewebes und eine Muskelkompensation zur Stabilisierung des Kniegelenks zu ermöglichen. Orthesen sind kein Ersatz für eine chirurgische Reparatur, sondern haben zum Ziel, das propriozeptive Feedback zu verbessern und die Streckung des Kniegelenks zu fördern, sie können eine Instabilität letztlich aber nicht beseitigen. Die regenerative Medizin, wie zum Beispiel Anwendung von thrombozytenreichem Plasma oder die Stammzellentherapie, ist eine weitere empfehlenswerte Option der konservativen Behandlung und kann dazu beitragen, die Synovitis zu lindern und das Fortschreiten von Schäden bei partiellen Kreuzbandrupturen zu reduzieren (18).
Marti Drum
Für die erfolgreiche Behandlung von Kreuzbanderkrankungen sollte ein multimodaler Ansatz verfolgt werden. Die Rehabilitation einer Kreuzbanderkrankung erfordert kontrollierte therapeutische Übungen, wobei die Progression des Trainings von einer Vielzahl von Faktoren abhängt. Eine konservative Therapie ist möglich, die chirurgische Behandlung führt aber zu einer besseren Gewichtsbelastung und zu konsistenteren Langzeitergebnissen. Unabhängig von der Behandlung sind die rehabilitativen Maßnahmen bei Kreuzbanderkrankungen während der ersten 8-12 Wochen identisch. In Abhängigkeit vom angewendeten chirurgischen Verfahren oder der nicht-chirurgischen Behandlung, von der Chronizität der Erkrankung und von anderen individuellen Patientenfaktoren müssen jedoch Anpassungen vorgenommen werden. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Rehabilitation bei Kreuzbandpatienten ist das konsequente Einhalten der Übungsprotokolle und ein regelmäßiges Follow-up, um Anpassungen auf der Grundlage des individuellen Ansprechens des Patienten zu ermöglichen.
Marti Drum
Dr. Drum schloss 2006 sowohl ihr Tiermedizinstudium als auch ihre Promotion (PhD) (Equine Orthopedics) an der Colorado State University ab und errang 2012 das Diplom des ACVSMR Mehr lesen
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