Klinisches Bild und Ätiologie
Die CCD ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters und tritt daher bei geriatrischen Patienten auf. In der Regel wird eine CCD ab einem Alter von 11 Jahren diagnostiziert, dies variiert jedoch je nach Größe des Hundes und nach rassetypischer Lebenserwartung. Einige Studien berichten, dass die Diagnose CCD bei Hündinnen mit höherer Wahrscheinlichkeit gestellt wird 1Azkona G, García-Belenguer S, Chacón G, et al. Prevalence and risk factors of behavioural changes associated with age-related cognitive impairment in geriatric dogs. J. Small Anim. Pract. 2009;50(2):87-91: DOI: 10.1111/j.1748-5827.2008.00718.x
. Einer anderen Untersuchung zufolge sollen kastrierte Rüden und kleinere Hunde jedoch eher dazu neigen, klinische Symptome von CCD zu zeigen, und bei kastrierten Hunden kann sich der Zustand insgesamt schneller verschlechtern 6Neilson JC, Hart BL, Cliff KD, et al. Prevalence of behavioral changes associated with age-related cognitive impairment in dogs. J. Am. Vet. Med. Assoc. 2001;218:1787-1791 DOI: 10.2460/javma.2001.218.1787
.
Die Verhaltenssymptome der CCD werden häufig mit dem Akronym DISHA beschrieben 7Landsberg GM, Hunthausen WL, Ackerman LJ. The effects of aging on behavior in senior pets In: Behavior Problems of the Dog and Cat. St Louis, MI; Elsevier; 2003;107-134
(Tabelle 1), aber auch die Akronyme DISHAA und DISHAAL können verwendet werden, wobei das zusätzliche A für „Angst“ oder „Apathie“ steht und das zusätzliche L für „Lernen“ 7Landsberg GM, Hunthausen WL, Ackerman LJ. The effects of aging on behavior in senior pets In: Behavior Problems of the Dog and Cat. St Louis, MI; Elsevier; 2003;107-134
,8Landsberg GM, Denenberg S. Behaviour problems in the senior pet. In: BSAVA Manual of Canine and Feline Behavioural Medicine. Gloucester, BSAVA; 2018;127-135. DOI: 10.22233/9781905319879.12
. Unabhängig vom letztlich bevorzugten Akronym, muss berücksichtigt werden, dass in vielen Fällen umfassendere emotionale Probleme vorliegen können, die mit dem Temperament des Hundes, der Stimmung und unmittelbaren emotionalen Reaktionen zusammenhängen, wie z. B. depressive Zustände, eine geringe Frustrationstoleranz oder ein erhöhtes Aufmerksamkeitsbedürfnis, zusätzlich zu den klassischeren Vermeidungsreaktionen im Zusammenhang mit Angst. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die klassischen Symptome nach dem DISHA-Prinzip und führt wichtige Differenzialdiagnosen an. Die in den Anfangsstadien beschriebenen Symptome variieren erheblich und lassen kein einheitliches Muster erkennen 9Madari A, Farbakova J, Katina S, et al. Assessment of severity and progression of canine cognitive dysfunction syndrome using the CAnine DEmentia Scale (CADES). Appl. Anim. Behav. Sci. 2015;171;138-145. 171: DOI: 10.1016/j.applanim.2015.08.034
, so dass die Frühdiagnose dieser Erkrankung eine große Herausforderung darstellen kann. Da es sich bei der CCD jedoch um eine progressive Erkrankung handelt, sind im Laufe der Zeit häufig weitere Symptome zu beobachten. Diese Patienten müssen deshalb ab dem Auftreten der ersten verdächtigen Symptome sorgfältig überwacht werden, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch keine Diagnose gestellt wird. In der Tat nehmen viele Besitzer und Besitzerinnen betroffener Hunde erst dann tierärztliche Hilfe in Anspruch, wenn bestimmte Symptome entweder für den Hund oder für sie selbst zum Problem werden. Dazu gehören beispielsweise der plötzliche Verlust eines zuvor üblichen Verhaltens (z. B. erfolgreicher Rückruf, wenn der Hund nicht angeleint ist), Unsauberkeitsprobleme (Abbildung 2), eine deutlich reduzierte Aktivität, reduzierte Interaktionen mit den Besitzern oder Besitzerinnen oder vermehrtes nächtliches Aufwachen. Das Hauptaugenmerk von Besitzern oder Besitzerinnen liegt in diesen Fällen zwar auf dem vordergründigen Verhaltensproblem, es muss aber berücksichtigt werden, dass aufgrund der potenziellen Rolle zugrundeliegender neurodegenerativer Veränderungen im Zusammenhang mit der CCD eine insgesamt deutlich komplexere Problematik vorliegen kann. Die wichtige Rolle einer sorgfältigen und detaillierten Anamnese kann an dieser Stelle nicht deutlich genug betont werden, da sich viele Besitzer wichtiger Symptome gar nicht bewusst sind oder nicht wissen, dass diese Symptome behandelt werden können, und oft annehmen, dass die beobachteten Veränderungen ein normaler Bestandteil des unvermeidlichen Alterungsprozesses sind. Spezielle Gesundheitschecks für Senior-Hunde und übliche Routineuntersuchungen (z. B. für Impfungen) sind gute Gelegenheiten, um Besitzer und Besitzerinnen proaktiv nach Symptomen einer möglichen CCD zu fragen.